Matthias Reusch: PA einstellen

Matthias Reusch fährt einen geilen Sound. Anders kann ich es nicht sagen. Und das sehen auch viele Künstler so: Joo Kraus, Philipp Poisel, Till Brönner, Bobby McFerrin, hier reichen sich großartige Musiker die Hand. Matthias mischt FoH unter anderem auf dem Montreux Jazz Festival oder beim Monrepos Klassik Open Air im Rahmen der Ludwigsburger Schlossfestspiele. Wenn man mit ihm persönlich spricht wird schnell klar warum er so erfolgreich ist: er ist unkompliziert, angenehm und hochprofessionell. Und so erleben ihn auch seine Studierenden: Matthias unterichtet den guten Ton an den Hochschulen in Stuttgart und Darmstadt, an der Filmhochschule Babelsberg und seit letztem Jahr füllt er die Professur für Audioproduktion und -Design an der Hochschule Furtwangen aus.

Bild von Simone_ph auf Pixabay

Heute schauen wir uns die Methode an, die Matthias anwendet um aus einer guten PA eine sehr gut klingende PA zu machen. Er verwendet die gleiche Methode für kleinere Anlagen ebenso wie für eine Beschallung des Münchener Olympiastadions. Zuerst erfolgt die Auswahl des Systems: d&b Audiotechnik, Meyersound, l’acoustics und viele andere Hersteller liefern heute hervorragende Beschallungssysteme. Die Größe und Lautstärke des Systems sollte der Location angemessen sein: “Bei der Poiseltour in 2016 hatten wir in den großen Hallen 22 Arrays gehängt.” In dieser Größenordnung braucht es Teamwork: “Sven Wiese hat immer erst gemessen. Er ist ein hervorragender Systemtechniker, von dieser Klasse gibt es nur wenige. Dann habe ich auf seiner Basis gehört. Das Ergebnis war optimal.”

Jetzt wollen wir es natürlich wissen: wie genau hört Matthias denn und wie stellt er die PA ein? “Ich verwende meine eigene Stimme um die PA einzusingen.” Als Erstes spricht er in ein Mikrofon und hört sich seine eigene Stimme über Kopfhörer an. Üblicherweise sind das ein Shure Beta 87 oder 58er und ein Sennheiser HD25. Um den Nahbesprechungseffekt etwas auszugleichen senkt er 125Hz und 315Hz um 2dB bei 1/3 Octave ab und zieht einen Lowshelf auf 315Hz. Das Ziel ist ein “schöner warmer Klang als Referenzsound für die PA.”

Danach spricht Matthias den Raum an. Er nennt es “Walfischgesang” und wir alle kennen die Prozedur: Hey! Ja! So, so, so. Das klingt wirklich komisch, ist aber praxisorientiert: so werden Resonanzen im Raum angeregt. Und dann kommt der wichtigste Schritt: einmal kurz hören und wahrnehmen. “Was brüllt mich an? Das ist meistens im nasalen oder tiefen Bereich.” Matthias singt diese Töne an und dabei kann auch ein kurzer Blick auf den Analyzer helfen die richtige Frequenz exakt zu identifizieren.

Mit einem parametrischen (!) EQ und einer Bandbreite von 1/3 Octave senkt Matthias die resonierenden Bänder ab. “In Hallen sind das 2 bis 3 Filter im 3-5dB Bereich und noch einige im 1-3dB Bereich, etwa 5 bis 8 Bänder insgesamt. Open Air muss man weniger machen.” Oberhalb von 8kHz wird meist nicht mehr entzerrt und unterhalb von 80Hz kommt Musik als Anregungssignal zum Einsatz. Frequenbereiche anheben kommt sehr selten vor und wenn dann maximal 1-2dB. Zum Entzerren nutzt er gerne das Meyersound Galileo oder den Lake LM44 Controller: “Der ist der Knaller”. Wichtig ist ihm “so wenig Filter wie es nur irgendwie geht zu nutzen.”

Wenn dann die Zuschauer in den Raum kommen, ändert sich das Verhalten des Raumes nur noch wenig. “Es wird trockener, ich muss eventuell Hall und Bass anpassen, das wars.” Die Subs werden dafür über einen Aux angefahren.

“So wenig Filter nutzen, wie es nur irgendwie geht.”

Matthias Reusch


Wie kommt man an einen Punkt, an dem man als Tontechniker so gut ist? Matthias sagt er hat mehrere Jahre geübt das Nachklingverhalten von Räumen zurückzunehmen. Das Ergebnis ist großartig. In der Entwicklung seiner Profession hat er auch bei anderen abgeschaut, aber irgendwann konsequent seinen eigenen Sound entwickelt. Dabei begleitete ihn ein Motto von Bruce Swedien:” You got to trust your instincts.” Er hat schon immer gute Platten gehört und selbst Klavier gespielt und damit seine eingenen Klangvorstellungen entwickelt. Und natürlich kommt die Kunst vom Künstler: “Ich spreche mich immer mit den Musikern ab.”

Lieber Matthias, vielen herzliche Dank für das Interview! Ich wünsche Dir weiter viel Erfolg bei Deinem Wirken und ich hoffe wir sehen uns bald wieder. Vielleicht beim Monrepos Klassik Open Air.

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